Lebenslange Erfahrungen in Mexiko
Bericht von Lara-Marie Speckmann
Manchmal macht man Erfahrungen, die man ein Leben lang nicht vergisst. Erfahrungen die einen so tief berühren, dass sie in einem selbst Türen öffnen können in die man ohne diese Erfahrung vielleicht nie reingeschaut hätte. Mexiko war so eine Erfahrung für mich.
Es war im Oktober 2005 als ich meine schöne Heimatstadt Münster gegen ein kleines 800 Einwohner Dorf in Zentralmexiko eintauschte. Statt Parklandschaft und hohen Bäumen thronten jetzt kahle Berge und spitzblätterige Stachelbäume rund um mein neues Heim - die Vielfalt und besondere Schönheit der Landschaft rund um Cardonal sollte ich in den nächsten 17 Monaten genauer kennen und schätzen lernen.
Schon im ersten Kontakt mit den verschiedenen Dorfbewohnern der Gemeinde spürte ich die einerseits oft vorsichtige, aber gleichzeitig sehr gastfreundliche und herzliche Art der Menschen.
Meine erste große Auseinandersetzung hatte ich mit dem hohen Stellenwert der Religion in Mexiko und der Art, wie sie gelebt wird . Da ich dieses Land vorerst hauptsächlich aus der katholischen Perspektive kennen lernte waren die ersten Erlebnisse die mich beschäftigten wohl mit einem kleinen religiösen Kulturschock verbunden und warfen in mir viele Fragen auf: Warum ziehen die Leute aus dem Valle del Mezquital zu Prozessionen an Festtagen jeder Heiligenfigur ein anderes Kleidchen an? Warum brauchen die Leute generell so viele Prozessionen, Rosenkränze, Weihrauch und Heiligenbildchen? Wieso wird an Weihnachten eine Nacht lang in den Familien eine Jesuskind-Puppe in den Armen einer ausgewählten Person gewogen und an Allerseelen den Toten Brot und Süßigkeiten auf kleinen Hausaltären dargebracht? Auf den ersten Blick erschien mir dies doch alles ziemlich fremd.
Wenig später aber wurde mein Interesse geweckt, die Hintergründe dieser Volksreligiösität kennen zu lernen. Oft habe ich die beiden Padres vom Centro Social zu Messen in die verschiedenen Dörfer der Gemeinde begleitet. Wenn ein besonderer Anlass gefeiert wurde (Taufe, Hochzeit etc.) traf man beim anschließenden Essen gleich das ganze Dorf wieder. In Mexiko werden immer ausnahmslos alle Dorfbewohner eingeladen und wenn dafür der Mann der Familie ein Jahr lang in den USA arbeiten muss - wenn gefeiert wird, gibt es für alle, soviel sie wollen und es wird an nichts gespart. Diese Freigiebigkeit und auch das stark ausgeprägte Gemeinschaftsdenken, das ich unter den Menschen im Valle del Mezquital, aber auch in anderen Regionen Mexikos kennen gelernt habe, haben bei mir tief prägende Eindrücke hinterlassen. Wenn ich mich jetzt wieder in Deutschland umschaue fällt es mir manchmal wirklich schwer von der gelebten Gemeinschaft, wie ich sie in Mexiko erfahren habe, auf die hier viel stärkere Ich-Bezogenheit umzuschalten – abgesehen davon, dass mir diese Verhältnisse vor meiner Zeit in Mexiko nie so klar vor Augen lagen.
Die besten Möglichkeiten, die Menschen des „Valle de Mezquital“ wirklich kennen zu lernen lagen für mich einerseits im Mitfeiern und Mitessen, aber auch besonders im Erlebnis des normalen Alltags der Menschen in den Dörfern der Gemeinde Cardonal. Manchmal war es eine Woche, manchmal aber auch nur ein langer Abend des Zusammenseins, an dem das Gefühl von Verständnis und einer entstehenden Freundschaft viel größer war als jegliche kulturellen Unterschiede. Vieles, was ich aus meinem deutschen Umfeld her kennen gelernt hatte, wie zum Beispiel besonders die Art von religiöser Gläubigkeit, die eher von Rationalität geprägt ist, bekam mit der Zeit weniger Gewicht und ich wurde offener für die mexikanischen Glaubensrituale und Sichtweisen.
Es fiel mir nicht mehr so schwer, den zärtlichen Umgang der Mexikaner mit den Heiligenfiguren, ihre besondere Beziehung zu verstorbenen Seelen oder den Glauben an „Erscheinungen“ und „Wunder“ nachvollziehen zu können. Einmal in den mexikanischen Rhythmus des Gesprächs, des Essens, der Arbeit, des Feierns und Ausruhens eingetaucht, kam das Bedürfnis noch mehr kennen zu lernen und Teil zu haben nicht mehr zum Stillstand. Umso mehr ich Einblick bekam in die engen Familienverhältnisse und Strukturen, fiel mir auf, dass in jeder Familie Angehörige, vor allen Dingen Jugendliche, fehlen, die zum Arbeiten in den Staaten sind. Das Thema der Migration ist ein wachsendes Phänomen in Mexiko und besonders ausgeprägt im Valle del Mezquital.
Wenn mit 17 Jahren die Schulpflicht erfüllt ist, ziehen einige Wenige in die nächst größeren Städte zum Studieren und Arbeiten. Doch die Aussichten auf eine Stelle sind sehr begrenzt und ein gut bezahlter Job noch viel schwieriger zu finden. Daher entscheidet sich fast ein Drittel aller Jugendlichen, in die USA zu emigrieren, um dort Arbeit zu suchen. In Cardonal und den umliegenden Dörfern macht sich dies immer stärker bemerkbar. Wer zurückbleibt sind Kinder, Mütter und Grosseltern. Auch junge Frauen entschließen sich seit einigen Jahren immer mehr zu einem Leben in den Staaten. Die meisten kommen, da der Grenzübergang für Mexikaner ohne Dokumente immer schwieriger wird, für viele Jahre nicht in ihre Heimat zurück. Schon bevor mir im November 2006 die Chance geboten wurde Padre Pedro und eine Schwester auf Migrantenbesuch in die USA zu begleiten, hatte mich dieses Thema sehr beschäftigt. Viele Leute hatten mir von persönlichen Erfahrungen als Emigrant oder Zurückgebliebene/r erzählt. Die andere Hälfte dieser Familien kennen zu lernen war eine sehr bereichernde und interessante Erfahrung. (siehe auch: Migrantenbesuch in den USA)
Neben dem großen Thema der Migration interessierte mich besonders die Arbeit der gerade wieder neu ins Leben gerufenen Gruppe der Naturheilmedizin. Mit nur 2 treuen Gruppenmitgliedern ging diese Arbeit etwas zäh voran. Da fast niemand einen Kalender besitzt und die Transportmöglichkeiten immer noch recht unregelmäßig sind, spielten sich die monatlichen Treffen nur langsam ein. Gemeinsam sammelten wir Heilkräuter aus der Umgebung und stellen damit Seifen und Shampoo, Hustensaft und Pomaden her. Bei gut besuchten Treffen wurden viele Rezepte ausgetauscht und ich war erstaunt, wie umfangreich das Wissen einiger älterer Personen über Heilpflanzen im Valle del Mezquital ist. Ich glaube, dass die Gruppe im vergangenen Jahr einen neuen Grundstein gelegt hat, und hoffe, dass die Produkte weiterhin zu bewusst niedrigen Preisen die Bewohner aller Gemeindezonen erreichen können (Dies geschieht hauptsächlich durch die Schwester und die mitarbeitenden Zivis). Das Wissen der Pflanzenkunde und Heilrezepte verliert sich leider immer mehr und die jungen Generationen in den Dörfern zeigen immer seltener Interesse an den alten Heilmethoden mit den hiesigen Kräutern. Alleine durch das Bestehen der offenen Gruppe in Cardonal und die Kursierung der Produkte wird meines Erachtens ein wichtiges Zeichen für den Erhalt dieses Heilwissens gegeben.
Im Ort Cardonal erzählten mir viele Menschen, dass durch das Problem der Migration als auch weiteren Veränderungen in der Gemeindestruktur der Zusammenhang dieser Dorfgemeinschaft sehr nachgelassen habe. Da selbst die Kirche kaum noch als Treffpunkt für das gesamte Dorf in Cardonal genutzt wird, war es für mich schwieriger als in anderen Dörfern einen Überblick über die Bewohner dort zu bekommen.
Einfacher war dies in den Dörfern um Cardonal herum, wo oft gerade auf Grund der Migration besonders die Frauen und die präsenten Familienangehörigen einen organisierten Dorfverband pflegen.
Schweren Herzens musste ich mich nach fast anderthalb Jahren von den aufgeweckten und temperamentvollen Jugendlichen und Kindern meines Chores in Cuesta Blanca verabschieden, mit denen ich neben den Chorproben und ein paar Ausflügen auch ein Krippenspiel zur Dorffiesta veranstaltet hatte. Mit der Zeit bekam ich Einblick in ein paar komplizierte Familienverhältnisse der Chorkinder und bewunderte deren ständig sprühende Energie und Lebensfreude umso mehr.
Von Anfang an wurde mir klar, wie wenig sich die Leute im Valle del Mezquital beklagen oder etwa Trübsal blasen und schlechte Stimmung verbreiten. In einem Alltag, der oft alles andere als bequem und sorglos abläuft, wird in allem immer das Beste gesehen. Sehr deutlich wurde für mich, auch im Rahmen der „Pastoral Indigena“ einer pastoralen Kulturgruppe, auf deren monatlichen Versammlungen und jährlichen nationalen Treffen ich Padre Pedro begleitet habe, die Wertschätzung der indigenen Mexikaner gegenüber alldem, was sie umgibt. Eine tiefe Dankbarkeit für die Existenz ihrer Familie, des eigenen Zuhauses, ihres Landes, das sie bearbeiten und auf dem sie leben wurde für mich immer wieder spürbar, und ich glaube mir auch ein bisschen davon mit nach Deutschland genommen zu haben.
Besonders durch den zunehmenden Einfluss der USA wird dieses Weltverständnis der indigenen Mexikaner leider immer mehr an den Rand gedrängt. Ein Beispiel ist der wachsende Konsum von so genannten „Refrescos“ wie Cola, Pepsi, Sprite etc. und die zunehmende „Vermüllung“ der Landschaft durch achtlos weggeworfene Plastikflaschen oder auch die Luft- und Bodenverpestung durch Verbrennung des Plastikmülls. In einigen wenigen Dörfern konnte ich die Leute zum „Sammeln statt Verbrennen“ der Flaschen motivieren, von einem Mann aus Cardonal wurden diese dann nach Mexiko Stadt zum Recyceln transportiert.
Eine ganz wichtige Rolle hat während meiner Zeit in Mexiko die Musik gespielt. Sei es auf den ausgelassenen typischen Tanzveranstaltungen (Bailes), in den vielen Messen, die ich mit oder ohne Kinderchor besucht habe oder im kleinen Freundeskreis in Cardonal, wo von allen mitgespielt oder gesungen wurden - ich habe viele Stimmen und Gitarren hören können, die für mich die Seele Mexikos widerspiegeln und auch ein Stück zu meiner Musik geworden sind.
In den vergangenen 17 Monaten habe ich einen Anpassungs- und Lernprozess mitgemacht und verinnerlicht, durch den mir einerseits eine immerwährende, ganz besondere Beziehung zu Mexiko und der Region des Valle del Mezquital geschenkt wurde. Darüber hinaus habe ich in dieser Zeit viel über mich und den Umgang mit anderen Menschen gelernt. Wieder in Deutschland angekommen sind mir plötzlich viele Verhaltensweisen und Einstellungen von mir und meinem Umfeld aufgefallen, über die ich mir vor der Zeit in Mexiko wenig Gedanken gemacht hatte. In den letzten 17 Monaten habe ich u.a. die Erfahrung gemacht, einmal nicht in völligem Überfluss zu leben, viele Situationen mit mehr Geduld angehen zu können, Werte wie Familie, Heimatland und Religion nicht immer nur kritisch zu hinterfragen, sondern eine gewisse Loyalität einfach vorauszusetzen und vor allen Dingen Freunde zu finden in einer Kultur, die mir anfangs ziemlich fremdartig erschien und mich mit der Zeit immer mehr fasziniert hat.
Vielen Dank an alle, die mir den Aufenthalt in Mexiko ermöglicht haben!
12 Monate Ecuador - Abschlussbericht
von Thorsten Brantner
Freiwilligendienst in einem anderen Land – geht das?
Ja das gibt es und ich habe es gemacht. Mir war die Thematik des anderen Dienstes im Ausland vor meinem Dienst genauso fremd wie all denen, die mir heute diese Frage stellen. Nach meinem Abitur war es für mich klar, ich muss meinen Zivildienst leisten. Durch viele Reisen und Schulaustauschprogramme sowie einem halben Schuljahr in den USA, bei denen ich immer positive Erfahrungen gesammelt habe, war ich offen für eine neue Kultur, eine neue Sprache und ein ganz anderes Leben.
Die Vorstellung von einem fremden Land war beeinflusst durch die Medien und man denkt dabei an ein Entwicklungsland, in dem es nur Armut und Probleme gibt. Und gleichzeitig hat man eine Idealvorstellung von seiner Arbeit, man denkt an die Arbeit von Entwicklungshelfern.
Am 23. August flog ich dann von Frankfurt über Caracas nach Quito. Meine ersten Tage in Quito waren sehr schwierig, ganz alleine in einem fremden Land in einer riesigen Stadt ohne einer Ahnung was man nun machen solle. Ich verbrachte schließlich dreieinhalb Wochen in Quito, ich wohnte in einem Hostal in dem Teil der Stadt, in dem hauptsächlich Touristen und Sprachschüler untergebracht sind und hatte dort jeden Tag von neun bis dreizehn Uhr Sprachschule. Im „Eins zu eins“ Unterricht lernt man sehr intensiv und so konnte ich meine geringen Sprachkenntnisse recht schnell ausweiten. In der riesigen Stadt (30km lang, aber nicht breiter als 5km) habe ich mich selber durch geschlagen und so in kürzester Zeit unzählige Erfahrungen gemacht und Eindrücke erhalten. Der öffentliche Verkehr mit den vielen, überall verkehrenden Bussen und Taxis war genauso neu für mich wie das viele Sicherheitspersonal und die vielen Gruselgeschichten über Raubüberfälle und Diebe. Schwierigkeiten bereiteten mir am Anfang auch die vielen Behördengänge, die zusätzlich zu meinem Visum nötig waren.
Nach diesen Wochen voller neuen, schönen und schwierigen Momenten flog ich zu meiner eigentlichen Einsatzstelle nach Cuenca.
Die ersten acht Monate lebte ich in einer Gastfamilie etwas ausserhalb der Innenstadt, ca. 15min mit dem Bus ins Zentrum. Das Haus ist recht groß und ich hatte ein Zimmer im ersten Stock. Ich war einerseits voll in die Familie integriert und konnte immer dort Essen und andererseits hatte ichmeine Freiheiten. Am Wochenende fuhr ich mit meiner Gastfamilie auf ihr Landhaus und verbrachte dort zusammen mit der ganzen Großfamilie den Sonntag. Bei Problemen mit meiner Arbeit oder der Ecuadorianischen Gesellschaft halfen mir meine Gasteltern immer weiter und hatten ein offenes Ohr für mich.
Etwas problematisch war für mich nur das Ecuadorianische Essen: zum Mittagessen gab es meistens eine Suppe und danach Reis mit Hühnchen oder sonstigem Fleisch. Hühnerkrallen, Schweinehaut, seltsame Fleischstücke und Meerschweinchen waren Delikatessen, die nicht große Glücksgefühle in mir hervorriefen. Generell gab es wenig Gemüse und Salat. Diese Esskultur gab es aber nicht nur in meiner Gastfamilie, sondern ist symptomatisch für Ecuador. Positiv waren aber eindeutig die vielen frischen Früchte und die daraus gepressten Säfte. Da die Hygiene eben nun mal nicht so wie in Deutschland ist, hat eigentlich jeder Ausländer und so auch ich als Freiwilliger Amöben- und Wurminfektionen.
Mein Tag begann um 7 Uhr nach einem Frühstück mit frischem Saft, heißer Schokolade und einem Brötchen, lief ich zum Bus und fuhr damit zu meiner ersten Arbeitsstelle der Behindertenschule. Von 8 bis 13 Uhr arbeitete ich dort und fuhr anschließend mit meinem Gastvater zum Mittagessen nach Hause. Danach arbeitete ich im Kinderheim der Organisation Corfra von 14.30 bis 17 Uhr. Da mein erster Name Thorsten so schwierig zum Aussprechen war, wurde schnell mein zweiter Name Frederik zu Féderico und unter diesem Namen kannten mich dann alle.
Täglich arbeitete ich also fünf Stunden in der Behindertenschule „San José de Calasanz“, in der Schule werden 85 SchülerInnen, mit unterschiedlichsten Behinderungen, teilweise unterrichtet und teilweise in den Werkstätten geschult. Die Schule hat eine Stickerei, eine Bäckerei (in der Pause gibt es immer frische Brötchen), eine Töpferei, eine Malwerkstatt und eben eine Holzwerkstatt. In dieser arbeitete ich die meiste Zeit, ich beaufsichtigte die Kinder, unterhielt mich mit ihnen und den Lehrern, erzählte von Deutschland und half den Schülern bei ihren Aufgaben oder erledigte selber die ein oder andere Tätigkeit. Wir bauten dort Kisten für Schuputzzubehör, weihnachtliche Engel, Kisten für Nägel und vieles mehr. Große Freude machte den Schülern und Lehrern sowie meiner Gastfamilie die von mir gebastelten Zaubertricks und Spielereien aus Holz. Wenn ich noch Zeit hatte, lief ich durch die Schule und besuchte die anderen Werkstätten. Manchmal backte ich nach meinen Rezepten mit den Schülern Zimtrollen oder Pizza. Am Anfang konnte ich mich besonders gut mit den Gehörlosen in Gebärden- und Zeichensprache verständigen.
Das Verhältnis zwischen den Lehrern und Schülern war super und sehr herzlich und genauso auch zwischen den Lehrern. So war ich auf viele Feste und eine Hochzeit eingeladen und einmal hatten wir sogar einen gemeinsamen Hüttenaufenthalt in den Bergen. Zum Abschluss lud mich die Direktorin zu ihrer Schwester an die Küste ein und wir verbrachten dort ein tolles Wochenende.
Nach dem Mittagessen ging ich immer in die Corfra, Corfra steht für „Corazones Fraternos“ übersetzt mit Brüderlichen Herzen. Diese Fundacíon betreibt drei Häuser, zwei davon für je zehn Waisenkinder und ein Haus für drogenabhängige Mädchen. María-Mercédes gründete diese kleine, wohltätige Organisation und versucht mit all ihrer Kraft und ihrem ganzen Herzen den armen Kindern und Jugendlichen zu helfen.
Ich arbeitete zusammen mit Jessika, einer weiteren Deutschen Freiwilligen, in einem Haus mit zehn Kindern zwischen zwei und sechzehn Jahren. Nach dem Essen machten wir gemeinsam die Hausaufgaben und gingen anschließend in den Park, bastelten oder spielten. Wir backten mit ihnen Weihnachtsmänner, Plätzchen, Pizza, Kekse und vieles mehr. Gemeinsam besuchten wir ein Museum oder Aussichtspunkte oder fuhren zu Ausflügen an einen Wasserfall oder zum Nationalpark Cajas. Im Haus bastelten wir Karten, druckten mit Kartoffelstempeln, bauten Holzhäuser oder malten. Die Ideen zu einem Wochenplan mit all den Aktionen und Aktivitäten und deren Planung, Organisation und Ausführung war Teil unserer Arbeit.
Zu Weihnachten bauten wir einen Schrank mit je einer Schublade für jedes Kind, diese befüllten wir mit einem Kuscheltier und Notwendigkeiten wie Stifte, Spitzer, Papier, Scheren und sonstigen Kleinigkeiten. Es ist großartig, die Freude der Kinder über Kleinigkeiten wie Luftballons mit zu erleben.
Jedes Kind hat eine sehr schwierige Vergangenheit, manche lebten bereits auf der Straße, andere Kinder litten unter dem Alkoholismus ihrer Eltern. Es gibt Vollwaisen und Kinder die wegen sexuellem Missbrauch aus ihren Familien genommen wurden.
Viele Dinge, die Kinder in Deutschland in den ersten Lebensjahren lernen, fehlen diesen Kindern. So kennen die Kinder teils mit sechs Jahren nicht die Farben oder den Nutzen eines Buches. Dies und die Gier der Kinder nach Anerkennung und Liebe gepaart, mit ihrer Unruhe und mehrfach verstärkt durch die große Anzahl von zehn Kindern, erschwert die Arbeit und lassen einfachste Spiele und Aktivitäten zur Mamutaufgabe werden. Nur mit Geduld, Autorität, Ausdauer, Wissen über ihre Vergangenheit und Probleme, und der absoluten Liebe zu ihnen schafft man es, ihr Vertrauen zu erlangen, aber vor allem, selbst mit der ständig anstrengenden Situation klar zu kommen. Ich musste unzählige Streitereien schlichten, Kinder trösten, ihnen Vorlesen, sie ins Bett bringen und sie einfach nur in den Arm nehmen. Am Schluss meines Jahres, konnte ich noch einen großen Wunsch erfüllen: Gemeinsam fuhren wir, die Kinder, eine Betreuerin und ich, an die Küste und verbrachten drei Tage am Meer. Das war für alle das erste Mal und sie waren total begeistert.
Jedoch je länger ich im Waisenheim arbeitete, desto mehr hatte ich eine persönliche Bindung zu den Kindern und fühlte mich noch stärker verpflichtet ihnen zu helfen. Einerseits blieb ich immer länger im Haus und kam auch mal am Wochenende und andererseits versuchte ich Spendensammlungen in Deutschland zu organisieren. Die erste Sammlung organisierte ich vor Weihnachten, zusätzlich zu meinen Rundschreiben verfasste ich einen Spendenaufruf und klopfte auch gezielt bei Bekannten und Verwandten an. Die Resonanz war riesig und all meine Vorstellungen wurden übertroffen. Nun konnten wir Schreibmaterialien, Schulgeld, Weihnachtsgeschenke, eine Blinddarmoperation, Ausflüge, Lebensmittel wie frische Früchte und vieles mehr bezahlen.
Mitte April erkrankte eines unserer Waisenkinder und nach mehreren Untersuchungen stellte sich ein Verdacht auf einen Hirntumor heraus. Jessika und ich übernahmen die Verantwortung und entschieden, Anselmo in einem guten Krankenhaus sofort operieren zu lassen. Die Operation verlief problemlos und schon wenige Tage danach konnte Anselmo nach Hause entlassen werden. Die Kosten überstiegen unser finanzielles Polster und somit startete ich erneut eine große Spendenaktion. Gemeinsam mit meiner ehemaligen Schule, dem Marie-Curie Gymnasium, meiner Pfarrei St. Gallus und vielen Freunden und Bekannten schaffte ich es, einen großen Spendenbetrag zu sammeln. Durch das Engagement von Herrn Baldas vom Deutschen Caritasverband konnten institutionelle Spenden den größten Teil der Operation, die reinen Arztkosten, tragen.
Bereits vor der Operation kümmerte ich mich um die Probleme der Fundacíon Corfra. Ich versuchte eine Jahresbilanz aufzustellen und meine Fähigkeiten in die Gesamtorganisation einfließen zu lassen. Wir konnten einen finanziellen Engpass, ausgelöst durch verspätete Beiträge der staatlichen Hilfseinrichtungen, mit einem Kredit überbrücken und durch Spendenmittel auch zwei Miet- und Stromrechnungen begleichen. Das Hauptproblem ist die Wohnsituation, hohe Mieten und unausreichender Platz sind die Schwierigkeiten.
Von der Stadtverwaltung Cuenca erhielt die Fundacíon ein Grundstück zur Erbauung der Waisenhäuser und eines Speisesaals zur Armenspeisung. Gemeinsam mit einem ehrenamtlichen Architekten, einer Deutschen Architektin und der Direktorin versuchte ich den Hausbau voranzutreiben. Dieses Projekte lehrten mich viel über die Ecuadorianische Kultur, sozialen Schwierigkeiten und Unterschiede zu Europa. Mit viel Engagement neben meinen anderen beiden Arbeitsstellen schaffte ich es Pläne zu erhalten, die erste Grundstücksmauer zu ziehen, ein Tor einzulassen und mit Hilfe der Stadtverwaltung das Gelände planieren zu lassen. Wir begannen Anträge an Internationale Hilfsorganisationen zu verfassen, weil trotz des großen Spendenaufkommens von bis heute 17.000¤, einschließlich aller Spendensammlungen, ein solches Großprojekt nicht alleine zu stemmen ist. Seit meiner Rückkehr arbeite ich intensiv an der Verwirklichung dieses Traumes, einen neuen Lebensraum für „meine“ Kinder in Cuenca zu schaffen. Mittlerweile haben wir die Förderzusage von der Caritasvorarlberg sowie der Organisation „Architekten über Grenzen“ erhalten.
Während meines Dienstes fuhr ich zu einem Zwischenseminar der „Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe“ nach Bolivien und verbrachte dort eine tolle Zeit und der Austausch mit vielen anderen Deutschen Freiwilligen brachte mich zusätzlich zu neuen Energien und Ideen.
Nach über acht Monaten traf ich die Entscheidung aus meiner Gastfamilie auszuziehen. Mein Verhältnis zu ihnen war sehr gut, aber ich hatte in einer eigenen Wohnung in einer Wohngemeinschaft einfach mehr Freiheiten und Möglichkeiten. Zudem lag mein neues Zuhause direkt im Zentrum und nur ein paar Schritte entfernt von der Arbeit in der Behinderten Schule und des Kinderheimes. Dort lebte ich in einer internationalen Wohngemeinschaft und die letzten vier Monate erlebte ich intensiv mit vielen neuen, auch ecuadorianischen Freunden. Ich fühlte mich in Cuenca sehr wohl und hatte mich dort gut eingelebt, deshalb war es für mich sehr schwer alles, aber vor allem die Kinder zu verlassen.
Meinen Zivildienst in Form des Anderen Dienstes im Ausland leisten zu dürfen war für mich ein großes Glück. Ich konnte bei meinen beiden Arbeitsstellen in der Behinderten Schule und im Kinderheim sowie durch mein Engagement bei der Organisation und Finanzierung von materiellen Notwendigkeiten, der lebenswichtigen Operation und nun auch beim Hausbau helfen. Doch am meisten habe ich persönlich gelernt: Ich kann eine neue Sprache, ich habe unzählige nette Menschen getroffen, ich habe eine andere Kultur und Lebensphilosophie kennengelernt und ganz viel Spass gehabt. Und nicht zu letzt habe ich erkannt wie gut es mir geht.
Jahresrückblick -ein Jahr Freiwilliger in Bolivien-
Von Martin Koch
Als kleiner Jahresrückblick möchte ich eher die Veränderungen, neuen Einstellungen und Erkenntnisse darstellen, als die Aktivitäten und Etappen des Jahres aufzählen. Die lassen sich, denke ich, auch in den Monatsberichten finden.
Nach ein paar Tagen schon wieder hier in Deutschland, zurück in der Heimat, bin ich voller Dank für die vielen Geschenke, die ich in diesem ganzen Jahr bekommen habe.
Dieses Jahr mit all seinen Erlebnissen, Erfahrungen und Erkenntnissen ist eine große Bereicherung und hat eine große Spur in mir hinterlassen.
Ich habe es ja schon manchmal in den Monatsberichten geschrieben, dass ich das Verständnis von Ruhe und Gelassenheit noch mal in einer ganz anderen Tiefe kennen und verstehen gelernt habe. Ein wichtiger Aspekt dazu ist der Anspruch an sich selbst, an die Mitmenschen und die Mitwelt. Damit ich nämlich Dinge gelassener und ruhiger nehmen kann, muss ich erst einmal meinen Anspruch an die Mitmenschen und Mitwelt zurücknehmen und eher den Anspruch an mich selbst verstärken.
Es heißt aber auch eigene Fehler und Missschläge erkennen und akzeptieren. Denn wenn ich um meine eigenen Fehler weiß und sie akzeptieren gelernt habe, dann kann ich auch die Fehler der Mitmenschen leichter erkennen und akzeptieren. Dann nämlich verändert sich die Erwartung, dass Andere ihre Aufgaben, Arbeiten und Umgangsformen so ideal wie möglich, so schnell und effektiv wie möglich, also so perfekt wie möglich erledigen. Denn wenn alles ideal, schnell, effektiv und letztlich perfekt ablaufen muss, dann ist ja gar keine Zeit und kein Raum für Fehler. Nur dann kann weder diese Person noch ich selbst diese Fehler akzeptieren, geschweige denn sie mit Gelassenheit und Ruhe leben.
Die bedeutendste Veränderung und Verstärkung hat jedoch sicherlich mein Glaube erfahren. Ich denke, das hat sich Stück für Stück über das ganze Jahr hingezogen. Denn allein die andere Kultur und der andere Umgang mit Glaube, Kirche und Gott haben viele Ansichten und Einstellungen, aber auch Fragen und Zweifel bewusster gemacht. Unter anderem diese unterschiedlichen Einstellungen, die eine viel größere Verbundenheit und Verpflichtung ausdrückten, haben mich beeindruckt und beeinflusst. Vielleicht ist es auch einfach die größere Bereitschaft weg von der gewohnten Umgebung, die Augen und Ohren wirklich zu öffnen und nicht die eigenen Vorurteile als Filter davor zu setzen.
Für mich hat der Glaube durch dieses Jahr einen viel größeren Stellenwert bekommen, ich kann jetzt viel eher meine Sorgen und Probleme, meine Angst, aber auch meine Zuversicht und Freude in Gottes Hände legen. Ich denke, ich habe in diesem Jahr in einer neuen Tiefe erfahren, dass und vor allem wie sehr Gott befreien kann. Denn Glaube und Gott scheint ja oft Einschränkung, Verbot, Drohung und Spaßkiller zu bedeuten. Doch mir hat Gott und der gelebte Glaube Freiheit, innere Ruhe und Frieden, Sicherheit, ja sogar Leichtigkeit, Freude und innere Erfüllung gebracht.
Nicht immer, aber viel besser als früher kann ich meine Sorgen und Ängste in seine Hände legen. Ihm vertrauen, dass er mich auf meinem Weg be- und geleitet und vor allem, dass er mich so annimmt wie ich bin und ich nicht fehlerfrei sein muss, sondern an ihnen arbeiten soll. Dieser gelebte und ungezwungen Glaube dort in der Pfarrei und in der Jugendgruppe war nicht nur ein Beispiel, sondern das hat wirklich Spaß gemacht, das ist einfach schön, das ist Ruhe und Kraft schöpfen, das ist Gemeinschaft, das ist Motivation und Aufgabe zugleich.
Gleichzeitig finde ich, war es genauso wichtig, eigene Schwächen und Fehler zu erkennen, damit Akzeptanz, Toleranz und Offenheit nicht verloren gehen. Denn kein Mensch ist ohne Fehler und wir können nur voneinander lernen.
Gott will, dass wir glücklich leben, dass wir Ruhe und Frieden finden und erfüllt sind. Für mich ist das Wunderbare, dass der Glaube und Gott mir wirklich viel Last, Sorge und Angst nimmt. Dass er mir die Augen öffnet, die schönen Dinge des Tages und des Leben zu sehen und einfach in Ruhe zu genießen.
Auch jetzt möchte ich mich noch einmal bei den vielen Menschen bedanken, die mir zu und auf diesem Weg geholfen haben. Angefangen bei meiner Familie und Freunden über das Bistum Mainz und den Verein „Hilfe für verlassene Kinder e.V.“ bis hin zu den Jungs, Mitarbeitern, der Pfarrei und die vielen Menschen, die ich im Laufe dieses Jahres kennen gelernt habe.
Vielen Dank noch mal ausdrücklich.
Möge Gott euch ein gesegnetes Weihnachtsfest schenken und euch im kommenden Jahr begleiten und schützen.